Weich ist nicht gleich weich: Die TPU Shore Härte entscheidet darüber, ob sich dein gedrucktes Bauteil anfühlt wie ein Gummiband, eine Schuhsohle oder eine harte Skateboardrolle. Wer nur "TPU" bestellt, ohne auf die Shore-Angabe zu achten, bekommt schnell das falsche Material — zu weich für ein belastbares Laufrad oder zu hart für eine dichtende Membran. Der Unterschied zwischen 85A und 98A ist in der Praxis größer als der zwischen manchen komplett verschiedenen Filamenten.
Dazu kommt: Die Shore-Härte bestimmt nicht nur die Haptik, sondern auch die Druckbarkeit. Ein 95A-TPU läuft auf modernen Direct-Drive-Druckern erstaunlich unkompliziert, ein 85A-Filament verlangt dagegen niedrige Geschwindigkeiten, minimale Retraktion und einen sauber geführten Filamentpfad — sonst verknotet es sich im Extruder, bevor die erste Schicht fertig ist.
In diesem Vergleich erklären wir, was hinter den Shore-Werten steckt, wie sich 85A, 90A, 95A und 98A in Haptik, Mechanik und Druckverhalten unterscheiden und welche Härte für welche Anwendung die richtige Wahl ist. Die Materialgrundlagen findest du in unserem TPU-Materialporträt.
Was bedeutet Shore-Härte überhaupt?
Die Shore-Härte beschreibt den Widerstand eines Elastomers gegen das Eindringen eines genormten Prüfkörpers. Gemessen wird mit einem Durometer (nach ASTM D2240 bzw. ISO 48-4): Eine Feder drückt einen definierten Stift in die Materialoberfläche, die Eindringtiefe ergibt einen Wert zwischen 0 und 100. Je höher der Wert, desto härter das Material. Für weiche Elastomere gilt die Shore-A-Skala (stumpfer Kegelstumpf, schwächere Feder), für harte Elastomere und zähe Kunststoffe die Shore-D-Skala (spitzer Kegel, stärkere Feder). Ab etwa 90A überschneiden sich beide Skalen — 95A entspricht grob 45D.
Ein Gefühl für die Zahlen geben Alltagsgegenstände:
- ca. 25A — Gummiband
- ca. 40A — Radiergummi
- ca. 70A — Lauffläche eines Autoreifens
- ca. 80A — Schuhsohle
- ca. 95A — harte Skateboard- oder Inliner-Rolle
- ca. 75D — Schutzhelm
FDM-druckbares TPU bewegt sich typischerweise zwischen 82A und etwa 64D. Weicher als 80A wird es im Filamentdruck schwierig, weil das Material sich kaum noch durch die Düse schieben lässt.
TPU Shore Härte im direkten Vergleich: 85A bis 64D
Die folgende Tabelle fasst die gängigen Härtegrade zusammen, wie sie im Filamenthandel angeboten werden:
| Shore-Härte | Fühlt sich an wie | Flexibilität | Druckbarkeit | Typische Anwendungen |
|---|---|---|---|---|
| 82–85A | weicher Gummi, Schuhsohle | sehr hoch, stark dehnbar | anspruchsvoll — nur Direct Drive, sehr langsam | Dichtungen, Dämpfungselemente, weiche Griffe |
| 90A | fester Gummi | hoch | machbar mit Direct Drive und Geduld | Schutzhüllen, Membranen, Faltenbälge |
| 95A | harte Skateboardrolle | in dünnen Wänden biegsam, massiv formstabil | gutmütig — der Standard für flexiblen Druck | Räder, Handyhüllen, Kabeldurchführungen, Riemen |
| 98A | sehr fester Gummi, kaum eindrückbar | gering bis mittel | einfach, deutlich näher an starren Filamenten | belastete Rollen, Kupplungen, Verschleißteile |
| ca. 60–64D | zäher Hartgummi / flexibler Kunststoff | gering, aber extrem schlagzäh | einfach, teils sogar Bowden-tauglich | schlagzähe Gehäuse, Scharniere, Strukturteile |
Wichtig: Die Shore-Angabe beschreibt das Rohmaterial, nicht das fertige Teil. Wie steif sich ein Druck tatsächlich anfühlt, hängt massiv von Wandstärke und Infill ab — dazu weiter unten mehr.
Warum weiches TPU schwerer zu drucken ist
Ein Extruder schiebt Filament in die Düse — bei weichem TPU ist das, als würdest du ein Gummiseil durch ein Nadelöhr drücken. Sobald Gegendruck entsteht, knickt der elastische Filamentstrang zwischen Vorschubrad und Hotend aus und wickelt sich im schlimmsten Fall um das Extruderritzel. Deshalb gilt: je weicher, desto wichtiger ein kurzer, vollständig geführter Filamentpfad. Direct-Drive-Extruder sind ab 90A abwärts praktisch Pflicht; Bowden-Systeme funktionieren zuverlässig erst ab 95A, besser 98A.
Dazu kommt die elastische Kompression: Weiches TPU staucht sich im Filamentpfad wie eine Feder. Der Druck in der Düse baut sich verzögert auf und ab — das Ergebnis sind Blobs an Nahtstellen und massives Stringing bei Leerfahrten. Gegenmittel sind konstante, niedrige Geschwindigkeiten, sauber abgestimmtes Pressure Advance bzw. Linear Advance und eine bewusst reduzierte Retraktion — lange, schnelle Rückzüge verschlimmern das Problem bei Flexmaterial eher.
Druckparameter nach Shore-Härte
Die Parameter unterscheiden sich weniger bei den Temperaturen als bei Geschwindigkeit und Retraktion. Typische Bereiche aus der Praxis:
| Parameter | 82–85A | 90–95A | 98A–64D |
|---|---|---|---|
| Düsentemperatur | 220–240 °C | 210–230 °C | 210–230 °C |
| Betttemperatur | 30–60 °C | 30–60 °C | 30–60 °C |
| Druckgeschwindigkeit | 15–25 mm/s | 25–50 mm/s | 40–80 mm/s |
| Retraktion (Direct Drive) | 0–1 mm, langsam | 0,5–2 mm | 1–2 mm |
| Bauteilkühlung | 50–100 % | 50–100 % | 30–80 % |
Weitere Praxispunkte: TPU haftet auf glattem PEI von sich aus sehr gut — bei großflächigen Teilen sogar zu gut, dann hilft eine dünne Schicht Klebestift als Trennmittel. Moderne High-Flow-TPUs für schnelle CoreXY-Drucker erlauben bei 95A auch deutlich höhere Geschwindigkeiten; die konservativen Werte oben funktionieren aber auf praktisch jedem Direct-Drive-Drucker. Und: TPU ist stark hygroskopisch. Vor dem Druck 4–8 Stunden bei 50–60 °C trocknen — Details im Leitfaden zur Filamenttrocknung.
Welche Shore-Härte für welche Anwendung?
82–85A wählst du, wenn das Bauteil nachgeben und abdichten soll: Vibrationsdämpfer, weiche Auflagen, Stoßschutz und flexible Dichtungen und O-Ring-Ersatz. Auch ergonomische Griffe und Teile mit Hautkontakt profitieren von der weichen Haptik.
95A ist der Allrounder und die richtige Wahl, wenn du unsicher bist: hart genug für Räder, Rollen, Zahnriemen-Prototypen, Kantenschutz und Handyhüllen, weich genug für Kabeldurchführungen, Füße unter Gehäusen und Snap-Elemente, die sich elastisch verformen sollen. Der Großteil aller flexiblen Serviceaufträge läuft in 95A.
98A und Shore-D-Typen sind Werkstoffe für Funktionsteile: belastete Laufrollen, flexible Kupplungen, Ketten- und Gelenkglieder, schlagzähe Schutzabdeckungen. Sie kombinieren die Abriebfestigkeit von TPU mit einer Steifigkeit, die sich schon fast wie ein zähes Hartplastik verhält. Konkrete Bauteilideen mit Härteempfehlung sammeln wir im Artikel TPU-Anwendungen in der Praxis.
Konstruktion: Geometrie schlägt Shore-Wert
Ein oft übersehener Punkt: Die gefühlte Härte eines gedruckten Teils bestimmt nicht das Datenblatt allein, sondern die Kombination aus Material und Struktur. Ein 95A-Teil mit zwei Perimetern und 10–15 % Gyroid-Infill lässt sich deutlich leichter eindrücken als dasselbe Teil massiv gedruckt — und kann sich in der Hand weicher anfühlen als ein vollgedrucktes 85A-Bauteil. Wer die Nachgiebigkeit gezielt einstellen will, arbeitet also mit Wandstärke und Infill als Stellschrauben: mehr Perimeter für steife Zonen, wenig Infill für federnde Bereiche. Das ist oft praktikabler, als auf ein schwer druckbares, weicheres Filament zu wechseln.
Typische Fehlerbilder beim TPU-Druck
- Filament wickelt sich um das Extruderritzel: klassisches Ausknicken bei weichem TPU. Abhilfe: Geschwindigkeit senken, Anpressdruck des Extruders reduzieren, Filamentpfad prüfen — jeder Millimeter ungeführter Strecke ist eine Schwachstelle.
- Extremes Stringing: feine Fäden zwischen allen Bauteilbereichen. Elastische Kompression plus Feuchtigkeit sind die Hauptursachen — Material trocknen, Temperatur ans untere Ende des Bereichs, Leerfahrten im Slicer minimieren. Mehr dazu im Stringing-Ratgeber.
- Blasen, Zischen, schaumige Oberfläche: eindeutiges Zeichen für feuchtes Filament. TPU zieht Wasser schneller als PLA oder PETG — ungetrocknet leidet neben der Optik auch die Schichthaftung.
- Unterextrusion bei höheren Geschwindigkeiten: das elastische Filament dehnt sich, statt Druck aufzubauen. Die Wände werden löchrig, obwohl der Flow stimmt. Lösung: langsamer drucken statt Flow erhöhen.
- Maßabweichungen an Bohrungen und Passungen: TPU quillt an der Düse stärker auf als starre Materialien. Bohrungen fallen kleiner aus — bei Passteilen 0,2–0,4 mm Zugabe einplanen und im Zweifel einen Testdruck machen.
Häufige Fragen
Welche TPU Shore Härte ist am einfachsten zu drucken?
95A. Es ist steif genug, um sich zuverlässig durch den Extruder schieben zu lassen, und auf jedem Direct-Drive-Drucker mit moderaten Geschwindigkeiten gut beherrschbar. Deshalb ist 95A auch der mit Abstand am weitesten verbreitete Härtegrad im Filamenthandel.
Kann ich 85A-TPU mit einem Bowden-Drucker drucken?
Praktisch nicht zuverlässig. Im langen Bowden-Schlauch staucht und dehnt sich das weiche Filament so stark, dass Retraktion und Druckaufbau unkontrollierbar werden. Für 85A brauchst du einen Direct-Drive-Extruder mit kurzem, geführtem Filamentpfad. Auf Bowden-Systemen sind 98A oder Shore-D-Typen die realistische Grenze.
Was ist der Unterschied zwischen Shore A und Shore D?
Beide messen die Eindringhärte, aber mit unterschiedlichen Prüfkörpern und Federkräften. Shore A ist für weiche Elastomere ausgelegt, Shore D für harte Elastomere und zähe Kunststoffe. Die Skalen überlappen sich am oberen Ende: 95A entspricht grob 45D. Ein "TPU 64D" ist also deutlich härter als jedes Shore-A-TPU.
Wie mache ich ein Bauteil weicher, ohne das Filament zu wechseln?
Über die Geometrie: weniger Perimeter, reduziertes Infill (z. B. 10 % Gyroid), dünnere Wände oder gezielte Aussparungen. So lässt sich mit gut druckbarem 95A ein Nachgiebigkeitsverhalten erreichen, das sonst ein schwer druckbares 85A erfordern würde.
Muss TPU vor dem Druck getrocknet werden?
Fast immer ja. TPU ist stark hygroskopisch — schon nach wenigen Tagen offener Lagerung zeigt es Stringing, Blasen und schlechte Schichthaftung. 4–8 Stunden bei 50–60 °C im Trockner oder Dörrgerät, danach idealerweise direkt aus einer Drybox drucken.
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Häufige Fragen — TPU-Shore-Vergleich
QWelche TPU Shore Härte ist am einfachsten zu drucken?
QKann ich 85A-TPU mit einem Bowden-Drucker drucken?
QWas ist der Unterschied zwischen Shore A und Shore D?
QWie mache ich ein Bauteil weicher, ohne das Filament zu wechseln?
QMuss TPU vor dem Druck getrocknet werden?
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